Agentur COMO für AUVA Georg Mattiassich und Stephanie Niederhuber stehen vor einem Banner der AUVA

Second Victim im Fokus: Wie AUVA-Gesundheits­personal nach Krisensituationen unterstützt wird

Das AUVA-Unfallkrankenhaus Linz zeigt Wege auf, wie Fachkräfte, die nach kritischen Ereignissen selbst unter erheblichen seelischen Belastungen leiden, professionell unterstützt werden können.

22.01.2026
2 Minuten
Elisabeth Kierner, MSc
Schlagwörter: Forschung, Innovation

Die AUVA rückt ein Thema in den Mittelpunkt, das im Gesundheitswesen lange wenig sichtbar war: das sogenannte Second Victim-Phänomen. Gemeint sind Fachkräfte, die nach kritischen Ereignissen selbst unter erheblichen seelischen Belastungen leiden. 

Das Phänomen und seine Verbreitung

Nach der international anerkannten ERNST Definition (European Researchers Network on Second Victims) gilt als Second Victim jede Fachkraft im Gesundheitswesen, die direkt oder indirekt an einem unerwarteten, unerwünschten Patienten-:Patientinnenereignis, einem Fehler in der Versorgung oder einer Patienten-:Patientinnenschädigung beteiligt ist – und dadurch selbst beeinträchtigt wird.

Studien belegen, dass ein Großteil der Beschäftigten im Lauf des Berufslebens zumindest einmal eine solche Situation erlebt. Häufige Folgen sind innere Unruhe, Schuldgefühle, Schlafstörungen bis hin zu ausgeprägten Belastungsreaktionen.

Auslöser können sehr unterschiedliche Situationen sein: aggressives Verhalten von Patienten:Patientinnen, unerwartete Todesfälle oder Suizide, aber auch unerwünschte Zwischenfälle im Behandlungsablauf. Das zeigt, dass Second Victims nicht nur in Ausnahmesituationen entstehen, sondern im fordernden Versorgungsalltag. Für Einrichtungen bedeutet das, neben der Patienten-:Patientinnensicherheit auch die seelische Gesundheit des Personals konsequent mitzudenken.

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen hohe Verantwortung und erhalten nach belastenden Situationen auch die notwendige professionelle Unterstützung. Moderne Medizin braucht eine Kultur, in der es selbstverständlich ist, Hilfe anzunehmen
AUVA / Veronika Drda Profilbild von Georg Mattiassich
Prim. Priv-Doz. Dr. Georg Mattiassich, MSc, MBA Ärztlicher Leiter des UKH Linz

Auswirkungen auf das Gesundheitssystem

Second Victim hat damit immer zwei Ebenen: eine menschliche und eine organisatorische. Fehlende Begleitung nach kritischen Ereignissen kann zu Rückzug, höheren Krankenständen oder gesteigerter Fluktuation führen. Eine gelebte Fehler- und Unterstützungskultur wirkt hier wie ein Schutzschirm – sie hilft Betroffenen, Erlebtes einzuordnen, entlastet Teams und stärkt die Qualität der Versorgung.

Das UKH Linz versteht Second Victim als festen Bestandteil von Qualitäts- und Risikomanagement und setzt mit dem Schwerpunkt ein klares Zeichen für eine mitarbeiter:innenorientierte Sicherheitskultur. Eine Organisation, die ihre Fachkräfte auch in Krisensituationen verlässlich begleitet, die Resilienz und das Vertrauen nach innen wie nach außen stärkt sowie die Patienten-:Patientinnensicherheit gewährleistet.

„Viele Betroffene zögern, sich innerhalb der eigenen Organisation zu öffnen. Ein externer, vertraulicher Rahmen senkt diese Hürde deutlich“, ergänzt Stephanie Niederhuber. Sie stellte beim Fachvortrag am UKH Linz das Angebot des Vereins „Second Victim Österreich“ vor. Der Verein begleitet medizinisches Personal nach kritischen Ereignissen kostenfrei, anonym und arbeitgeberunabhängig. Denn wirksame Unterstützung basiert auf mehreren Bausteinen: Sensibilisierung für das Thema, Schulungen für Führungskräfte, strukturierte Nachbesprechungen nach kritischen Ereignissen, kollegiale Peer Support-Angebote sowie ein niedrigschwelliger Zugang zu professioneller psychosozialer Hilfe. Entscheidend ist, dass das Thema offen angesprochen wird und Betroffene wissen, an wen sie sich wenden können.